Offene Brustkorbwunde macht ein beunruhigendes Sauggeräusch
Offener Pneumothorax, belüftete Chest Seals (Ventilpflaster) und die Entlastung eines lebensbedrohlichen Spannungspneumothorax
// SOFORTIGE MASSNAHMEN
Führe diese Schritte in der angegebenen Reihenfolge aus:
- 01 WUNDE FREILEGEN & SOFORT ABDICHTEN
Brustkorbwunde sofort freilegen und während des Ausatmens mit der behandschuhten Hand abdichten.
- 02 VENTIL-BRUSTPFLASTER (CHEST SEAL) ANBRINGEN
Ein ventiliertes Chest Seal (mit Einweg-Flatterventil) mittig über der Einstichstelle aufkleben:
- ├─ Haut um die Wunde kurz von Blut und Schweiß befreien, damit die Klebefläche haftet.
- └─ Einwegventil über der Wunde platzieren: Lässt Überdruck beim Ausatmen entweichen und sperrt beim Einatmen.
- 03 PATIENTEN LAGERN & NOTRUF 112 WÄHLEN
Oberkörper erhöht oder leicht zur verletzten Seite geneigt lagern, um die gesunde Lunge zu entlasten.
- 04 AUF SPANNUNGSPNEUMOTHORAX ÜBERWACHEN
Auf zunehmende Atemnot, Zyanose (blaue Lippen) und Kollaps achten:
Bei Zeichen eines Spannungspneumothorax Das Pflaster sofort an einer Ecke anheben (Burping), um gefangene Überdruckluft abzulassen.
// KRITISCHE FEHLER (UNBEDINGT VERMEIDEN)
- ✕ Niemals ein improvisiertes Plastikstück rundherum luftdicht mit Klebeband verschließen, wenn keine ständige notfallmedizinische Überwachung erfolgtWARUM: akute Lebensgefahr durch Spannungspneumothorax
- ✕ Niemals Verbandstoff, Tücher oder Tamponaden tief in das Brustkorbloch hineinstopfen.
- ✕ Einen ansprechbaren Patienten mit Brusttrauma niemals flach auf den Rücken zwingenWARUM: behindert die verbliebene Zwerchfellatmung massiv
- ✕ Niemals vergessen, den Rücken des Patienten zu kontrollierenWARUM: Geschosse und Klingen erzeugen oft Austrittswunden auf der Rückseite
“Wundränder abwischen, belüftetes Chest Seal aufkleben (oder Wunde offen lassen) und Pflaster sofort lüften, wenn Atemnot zunimmt.”
Eine penetrierende Verletzung des Brustkorbs—durch eine Stichwaffe, einen Schuss, einen Zaunpfahl oder umherfliegende Metallsplitter—kann die Haut, die Zwischenrippenmuskeln und das Lungenfell (Pleura parietalis) durchstoßen.
Erreicht die Öffnung in der Brustwand etwa zwei Drittel des Durchmessers der Luftröhre, folgt der Luftstrom dem geringsten Strömungswiderstand: Bei jedem Atemzug strömt die Luft durch das Loch in der Brust statt durch die Atemwege.
Die Physik des offenen Pneumothorax
Die menschliche Atmung funktioniert wie ein geschlossener Blasebalg mit partiellem Vakuum:
- Beim Einatmen senkt sich das Zwerchfell, der Brustkorb dehnt sich aus und es entsteht ein negativer Unterdruck im Pleuraraum ($-5\text{ bis }-8\text{ cm }H_2O$).
- Durch den Unterdruck dehnt sich das elastische Lungengewebe aus und saugt Frischluft über die Luftröhre an.
- Der Defekt: Ist die Brustwand eröffnet, saugt der Unterdruck die Außenluft direkt durch das Loch in den Brustkorb (offener Pneumothorax).
- An den Wundrändern schäumt und blubbert blutige Flüssigkeit mit einem deutlich hörbaren, feuchten Zisch- oder Schlürfgeräusch, während der Lungenflügel auf der betroffenen Seite wie ein nasser Lappen in sich zusammenfällt.
Die tödliche Gefahr des Spannungspneumothorax
In alten Erste-Hilfe-Büchern wurde Laien oft geraten, eine Plastiktüte rundherum luftdicht mit Klebeband über die Wunde zu kleben.
In der Notfallmedizin ist ein vollkommen dichter, unventilierter Verband lebensgefährlich:
- Ist das Lungengewebe unter dem Loch ebenfalls eingerissen, tritt bei jedem Atemzug Luft aus der Lunge in den Pleuraraum aus.
- Ist die Wunde nach außen luftdicht versiegelt, kann diese Luft nicht entweichen. Im Brustkorb baut sich ein massiver Überdruck auf (Spannungspneumothorax).
- Der Überdruck drückt das Herz und die großen Blutgefäße zur Gegenseite weg und knickt die untere und obere Hohlvene mechanisch ab. Das Herz bekommt kein Blut mehr zugeführt: Es kommt innerhalb von Sekunden zum obstruktiven Herz-Kreislauf-Stillstand.
Das moderne Vorgehen: Ventilpflaster und Entlüften („Burpen“)
- Kommerzielles Ventilpflaster (Vented Chest Seal): Ein modernes Chest Seal verfügt über integrierte Einwegventile oder Ablaufkanäle. Beim Ausatmen können Luft und Blut nach außen entweichen; beim Einatmen schließt das Ventil dicht ab.
- Wenn kein Chest Seal da ist: Wunde offen lassen, Blut abwischen oder eine lockere sterile Wundauflage auflegen. Keine dichten Plastikfolien improvisieren.
- Das Entlüften („Burping“): Zeigt der Patient zunehmende Atemnot, Erstickungsangst und Kreislaufabfall, das Pflaster sofort an einer Ecke anheben. Häufig entweicht die eingesperrte Druckluft mit einem lauten Zischen und entlastet das Herz schlagartig.
112 verbindet direkt mit Feuerwehr und Rettungsdienst. 110 ist die Polizei.
Weitere potenziell relevante Notfallsituationen und angrenzende Gefahrenbereiche.